WIRKSTOFFPROFIL

Citicolin (CDP-Cholin): mehr als einfach nur eine Cholinquelle

Citicolin ist mehr als eine Cholinquelle: Einordnung von CDP-Cholin, Kennedy-Weg, Stoffwechsel, Humanstudien, EU-Recht und Augenforschung.
Citicolin (CDP-Cholin): mehr als einfach nur eine Cholinquelle

Citicolin taucht heute häufig in Nootropic- und Focus-Formulierungen auf. Dort wird es oft verkürzt als besonders interessante Cholinquelle beschrieben.

Das ist nicht völlig falsch – wird dem Molekül aber kaum gerecht.

Denn Citicolin, auch CDP-Cholin genannt, ist kein Stoff, der erst für moderne Nahrungsergänzungsmittel erfunden wurde. Es ist ein körpereigenes Zwischenprodukt eines fundamentalen Stoffwechselwegs, über den unsere Zellen unter anderem Phosphatidylcholin herstellen.

Hinzu kommt eine ungewöhnlich lange medizinische Forschungsgeschichte. Citicolinhaltige Arzneimittel wurden in verschiedenen Ländern bereits seit den 1970er-Jahren als verschreibungspflichtige Präparate eingesetzt. Citicolin wurde unter anderem in Neurologie, Psychiatrie und später auch in der Augenheilkunde untersucht. [6,11]

Heute begegnet einem derselbe Stoff gleichzeitig als Arzneistoff in bestimmten Ländern, als Forschungsgegenstand und – in der Europäischen Union – als zugelassene Novel-Food-Zutat für Nahrungsergänzungsmittel.

Citicolin befindet sich damit an einer interessanten Schnittstelle zwischen:

Cholinstoffwechsel → Membranphospholipiden → Nukleotidstoffwechsel → Acetylcholin → Neurowissenschaften.

Genau diese biochemische Vielseitigkeit hat Citicolin seit Jahrzehnten zu einem Forschungsgegenstand gemacht.

Sie bedeutet allerdings nicht automatisch, dass eine Einnahme bei gesunden Menschen Konzentration, Gedächtnis oder andere kognitive Funktionen verbessert.

Gerade bei Citicolin lohnt es sich deshalb, zwei Fragen konsequent voneinander zu trennen:

Was macht das Molekül biochemisch?

und

Was wurde beim Menschen tatsächlich nachgewiesen?


Citicolin kurz erklärt

Citicolin ist die gebräuchliche Bezeichnung für Cytidin-5'-diphosphocholin, kurz CDP-Cholin.

Es besteht chemisch unter anderem aus:

  • Cytosin,
  • Ribose,
  • Pyrophosphat
  • und Cholin.

Seine Summenformel lautet:

C₁₄H₂₆N₄O₁₁P₂

Die Molekülmasse beträgt etwa 488,3 g/mol.

Das eigentlich Spannende ist jedoch nicht seine Summenformel.

CDP-Cholin entsteht auch im menschlichen Körper.

Dort ist es ein Zwischenprodukt bei der Herstellung von Phosphatidylcholin – einem wichtigen Bestandteil biologischer Zellmembranen.


Schon gewusst?

Citicolin ist ein gutes Beispiel dafür, warum der Begriff „Novel Food“ leicht missverstanden werden kann.

Citicolin ist in der Europäischen Union lebensmittelrechtlich als Novel Food zugelassen. [1]

Das bedeutet jedoch keineswegs, dass das Molekül für den menschlichen Körper „neu“ wäre.

CDP-Cholin ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Stoffwechsels.

„Novel Food“ beschreibt vielmehr die Verwendungsgeschichte beziehungsweise den regulatorischen Status einer Zutat als Lebensmittel in der Europäischen Union.


Der Kennedy-Weg: Warum Citicolin für Zellmembranen interessant ist

Um Citicolin wirklich zu verstehen, muss man einen kleinen Umweg über Zellmembranen machen.

Unsere Zellen sind von Membranen umgeben. Diese bestehen zu einem erheblichen Teil aus sogenannten Phospholipiden.

Eines der mengenmäßig bedeutenden Phospholipide ist:

Phosphatidylcholin.

Der menschliche Organismus kann Phosphatidylcholin über verschiedene Wege herstellen. Einer davon ist der sogenannte CDP-Cholin- oder Kennedy-Weg. [2]

Vereinfacht:

Cholin

↓

Phosphocholin

↓

CDP-Cholin

↓

Phosphatidylcholin

Citicolin beziehungsweise CDP-Cholin steht also mitten in diesem Stoffwechselweg.

Warum heißt er Kennedy-Weg?

Der Name geht auf den amerikanischen Biochemiker Eugene P. Kennedy und seine Mitarbeiter zurück, die zentrale Schritte der Phospholipidsynthese in den 1950er-Jahren beschrieben.

CDP-Cholin ist dabei kein zufälliges Zwischenprodukt.

Es stellt eine aktivierte Form dar, die anschließend mit Diacylglycerol reagieren kann.

Das Produkt ist:

Phosphatidylcholin. [2,3]

Molekül-Fakt

Citicolin ist damit gleichzeitig:

ein körpereigenes Stoffwechselintermediat

und

eine isoliert zuführbare Substanz.

Das ist einer der Gründe, warum das Molekül wissenschaftlich so interessant ist.


Was passiert mit Citicolin nach der Einnahme?

Im Internet findet man häufig die vereinfachte Darstellung:

Citicolin wird aufgenommen, gelangt ins Gehirn und wird dort verwendet.

Ganz so einfach ist es nicht.

Nach oraler Aufnahme wird Citicolin intensiv metabolisiert.

Dabei entstehen insbesondere:

Cholin + Cytidin.

Beim Menschen wird ein großer Teil des Cytidins anschließend zu Uridin umgewandelt. [4–6]

Diese Bestandteile gelangen in ihre normalen Stoffwechselwege.

Vereinfacht lässt sich der Prozess so darstellen:

Citicolin

↓

Cholin + Cytidin

↓

Cytidin → Uridin

↓

Aufnahme und systemische Verteilung

↓

Nutzung in Cholin- und Nukleotidstoffwechselwegen

↓

unter anderem erneute Synthese von CDP-Cholin und Membranphospholipiden

Oral aufgenommenes Citicolin muss also nicht als vollständiges CDP-Cholin-Molekül unverändert vom Darm bis in eine Gehirnzelle transportiert werden.

Der Organismus kann seine Bestandteile aufnehmen und anschließend erneut für entsprechende Stoffwechselwege verwenden.

Das ist biochemisch wesentlich interessanter als die vereinfachte Vorstellung eines Moleküls, das direkt „ins Gehirn transportiert“ wird.


Geht Citicolin durch die Blut-Hirn-Schranke?

Auch hier ist eine differenzierte Antwort notwendig.

Ältere Literatur beschreibt, dass nach der Einnahme entstehende Komponenten wie Cholin und Cytidin beziehungsweise Uridin systemisch verfügbar werden und für Stoffwechselprozesse des zentralen Nervensystems genutzt werden können. [4–6]

Daraus wird im Marketing gelegentlich die Aussage:

„Citicolin überwindet die Blut-Hirn-Schranke.“

Das kann den Eindruck erwecken, das oral aufgenommene CDP-Cholin-Molekül wandere einfach unverändert vom Darm ins Gehirn.

Diese Vorstellung ist zu simpel.

Die Pharmakokinetik und die Frage, welche Molekülspezies letztlich für welche Effekte verantwortlich sind, sind komplexer.

Die wissenschaftlich sauberere Aussage lautet:

Nach oraler Aufnahme wird Citicolin metabolisiert. Seine Bestandteile werden aufgenommen und können anschließend auch für Stoffwechselvorgänge des zentralen Nervensystems zur Verfügung stehen.


Wie gut wird Citicolin aufgenommen?

Eine frühe pharmakokinetische Untersuchung mit radioaktiv markiertem CDP-Cholin an gesunden Erwachsenen fand weniger als ein Prozent der verabreichten Radioaktivität im Stuhl wieder. [4]

Das spricht für eine weitgehende Aufnahme der markierten Bestandteile.

Dabei ist jedoch eine wichtige Unterscheidung notwendig:

Eine hohe Aufnahme der Bestandteile bedeutet nicht automatisch, dass Citicolin vollständig und unverändert im Blut oder Gehirn ankommt.

Das Molekül wird intensiv metabolisiert.

Deshalb sollte „hohe Bioverfügbarkeit“ bei Citicolin nicht mit der Vorstellung verwechselt werden, nahezu die gesamte eingenommene Dosis gelange als intaktes CDP-Cholin direkt ins Gehirn.


Was hat Citicolin mit Acetylcholin zu tun?

Cholin besitzt neben seiner Rolle im Phospholipidstoffwechsel noch eine weitere wichtige Funktion.

Es kann als Ausgangsstoff für den Neurotransmitter Acetylcholin dienen.

Vereinfacht:

Cholin + Acetyl-CoA

↓

Acetylcholin

Acetylcholin ist an zahlreichen Prozessen des zentralen und peripheren Nervensystems beteiligt. Dazu gehören unter anderem neuronale Signalübertragung sowie Prozesse, die mit Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit verbunden sind.

Daraus entsteht allerdings schnell ein typischer Fehlschluss:

Citicolin liefert Cholin → Cholin ist Vorstufe von Acetylcholin → also verbessert Citicolin automatisch Gedächtnis und Konzentration.

So einfach funktioniert menschliche Neurobiologie nicht.

Der Organismus reguliert Neurotransmittersynthese, Speicherung, Freisetzung, Abbau und Rezeptoraktivität auf mehreren Ebenen.

Dass eine Substanz eine Vorstufe bereitstellt, ist deshalb ein Mechanismus.

Es ist noch kein Nachweis eines funktionellen Effektes beim Menschen.


Und was hat Citicolin mit Dopamin zu tun?

In präklinischen Untersuchungen wurden unter Citicolin auch Veränderungen dopaminerger, noradrenerger und anderer neuronaler Systeme beobachtet. [5,6]

Diese Befunde sind mechanistisch interessant.

Daraus sollte jedoch nicht die vereinfachte Aussage entstehen:

„Citicolin erhöht Dopamin.“

Viele entsprechende Daten stammen aus Tiermodellen oder speziellen experimentellen Situationen.

Welche Veränderungen eine konkrete orale Dosis bei einem gesunden Menschen erzeugt, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten.


Citicolin war ein Arzneistoff, lange bevor es ein modernes Nootropic wurde

Ein besonders interessanter Teil der Geschichte von Citicolin wird auf vielen Supplementseiten kaum erwähnt.

Citicolin besitzt eine jahrzehntelange medizinische Verwendungsgeschichte.

Citicolinhaltige Arzneimittel wurden nach Übersichtsarbeiten bereits seit den 1970er-Jahren in verschiedenen Ländern als verschreibungspflichtige Medikamente vermarktet. [11]

Historisch wurde Citicolin besonders im Zusammenhang mit neurologischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen untersucht.

Dazu gehörten unter anderem:

  • Schlaganfall,
  • Schädel-Hirn-Trauma,
  • kognitive Beeinträchtigungen,
  • neurodegenerative Erkrankungen
  • sowie verschiedene andere neurologische Fragestellungen. [5,6]

Der rechtliche Status unterscheidet sich allerdings je nach Land und Darreichungsform.

Dass Citicolin in einem Land als Arzneistoff verwendet wurde oder wird, bedeutet nicht automatisch, dass es in Deutschland als Arzneimittel für dieselbe Anwendung zugelassen ist.

In der Europäischen Union ist Citicolin heute unter anderem als Novel-Food-Zutat für Nahrungsergänzungsmittel zugelassen. [1]

Diese parallele Geschichte ist ungewöhnlich:

Arzneistoff → Forschungsstoff → Nahrungsergänzungsmittel-Zutat.


Warum wird Citicolin heute als Nootropikum bezeichnet?

Die moderne Einordnung als Nootropikum ergibt sich insbesondere daraus, dass Citicolin seit Jahrzehnten im Zusammenhang mit neurologischen und kognitiven Fragestellungen untersucht wird.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Gedächtnis,
  • Aufmerksamkeit,
  • altersbedingte kognitive Veränderungen,
  • vaskuläre kognitive Beeinträchtigungen,
  • Schlaganfall,
  • Schädel-Hirn-Trauma.

Diese Forschung erklärt, warum Citicolin heute häufig in Nootropic-Formulierungen auftaucht.

Sie beweist jedoch nicht automatisch eine allgemeine Verbesserung kognitiver Leistungen bei gesunden Menschen.


Citicolin in der Augenheilkunde: vom Gehirn zur Netzhaut

Ein besonders spannender und außerhalb der Augenmedizin wenig bekannter Forschungsbereich ist die Ophthalmologie.

Citicolin wurde nicht nur in der klassischen Neurologie untersucht, sondern auch bei verschiedenen Augenerkrankungen.

Das klingt zunächst überraschend.

Biologisch ist die Verbindung jedoch nachvollziehbar.

Die Netzhaut ist Nervengewebe

Die Netzhaut ist nicht einfach eine lichtempfindliche Folie im hinteren Teil des Auges.

Sie ist hoch spezialisiertes neuronales Gewebe und entwicklungsgeschichtlich Bestandteil des zentralen Nervensystems.

Eine besonders wichtige Zellgruppe sind die:

retinalen Ganglienzellen.

Ihre Axone bündeln sich zum Sehnerv und übertragen visuelle Informationen von der Netzhaut in Richtung Gehirn.

Gerade diese Zellen spielen beim Glaukom eine zentrale Rolle.


Was passiert beim Glaukom?

Beim Glaukom kommt es zu einer zunehmenden Schädigung retinaler Ganglienzellen und ihrer Axone.

Der wichtigste therapeutisch beeinflussbare Risikofaktor ist ein erhöhter Augeninnendruck.

Deshalb besteht die etablierte Therapie vor allem darin, den Augeninnendruck zu senken.

Allerdings kann eine Glaukomerkrankung bei manchen Menschen trotz vergleichsweise gut kontrolliertem Augeninnendruck fortschreiten.

Daraus entstand eine zusätzliche Forschungsfrage:

Kann man neben der Drucksenkung auch die Nervenzellen der Netzhaut beziehungsweise die Sehbahn selbst schützen?

Dieser Ansatz wird als Neuroprotektion bezeichnet.

Citicolin gehört zu den Substanzen, die in diesem Zusammenhang intensiv untersucht wurden. [12–16]


Warum könnte Citicolin für Nervenzellen im Auge interessant sein?

Die Hypothese beruht auf mehreren Bereichen der Citicolin-Biochemie.

In experimentellen Untersuchungen wurden unter anderem Zusammenhänge mit folgenden Prozessen beschrieben:

  • Membranphospholipidstoffwechsel,
  • mitochondrialer Funktion,
  • oxidativem Stress,
  • neuronaler Signalübertragung,
  • Neurotransmittersystemen
  • und Zellmembranstabilität. [5,6,12]

Da retinale Ganglienzellen Nervenzellen sind, lag die Idee nahe, Citicolin auch in diesem Kontext zu untersuchen.

Aber wieder gilt:

Ein plausibler Mechanismus ist noch kein therapeutischer Wirksamkeitsnachweis.


Citicolin wurde oral, intramuskulär und als Augentropfen untersucht

Die ophthalmologische Forschung ist auch deshalb ungewöhnlich, weil Citicolin in sehr unterschiedlichen Darreichungsformen untersucht wurde.

Dazu gehörten:

intramuskuläre Anwendung

orale Anwendung

und später

citicolinhaltige Augentropfen. [12–16]

In älteren Untersuchungen erhielten Glaukompatienten beispielsweise Citicolin intramuskulär oder oral.

Später wurden topische Formulierungen entwickelt und direkt am Auge getestet.

Das zeigt, wie weit Citicolin historisch von einer reinen „Supplement-Zutat“ entfernt ist.


Wie misst man überhaupt Nervenzellfunktion im Auge?

Mehrere Citicolin-Studien verwendeten elektrophysiologische Methoden.

Zwei Begriffe tauchen dabei besonders häufig auf.

PERG – Pattern Electroretinogram

Das Pattern Electroretinogram untersucht elektrische Antworten der Netzhaut auf strukturierte visuelle Reize.

Es wird unter anderem verwendet, um die Funktion retinaler Ganglienzellen zu beurteilen.

VEP – Visual Evoked Potentials

Visual Evoked Potentials messen elektrische Antworten im visuellen Cortex nach optischer Stimulation.

Sie liefern Informationen über die Signalübertragung entlang der Sehbahn vom Auge zum Gehirn.

Damit untersucht man nicht einfach:

„Sieht der Patient subjektiv besser?“

sondern messbare elektrische Vorgänge im visuellen System.


Was zeigten frühe Glaukomstudien?

Frühere Arbeiten berichteten unter Citicolin Veränderungen elektrophysiologischer Parameter.

Eine Untersuchung bei Glaukompatienten beschrieb beispielsweise Veränderungen retinaler Funktion und neuronaler Signalübertragung unter oralem beziehungsweise intramuskulärem Citicolin. [12]

Eine weitere klinische Untersuchung beobachtete Patienten mit fortschreitendem Glaukom trotz kontrolliertem Augeninnendruck über zwei Jahre und berichtete unter oralem Citicolin eine verlangsamte Verschlechterung des Gesichtsfeldes. [13]

Diese Ergebnisse waren wissenschaftlich interessant.

Sie führten zu der Hypothese, Citicolin könne beim Glaukom möglicherweise als ergänzende neuroprotektive Strategie relevant sein.

Aber auch hier gilt:

Positive Einzelstudien sind noch keine endgültige Antwort.


Citicolin als Augentropfen

2015 veröffentlichten Parisi und Kollegen eine Untersuchung mit citicolinhaltigen Augentropfen bei Patienten mit Offenwinkelglaukom.

Untersucht wurden unter anderem:

  • PERG,
  • VEP
  • und damit funktionelle Parameter der Netzhaut und der Sehbahn.

Während der Behandlungsphase wurden Veränderungen verschiedener elektrophysiologischer Messwerte beobachtet.

Nach einer anschließenden Wash-out-Phase gingen diese Veränderungen teilweise wieder zurück. [14]

Das ist wissenschaftlich spannend, weil es darauf hindeutet, dass lokal verabreichtes Citicolin tatsächlich mit funktionellen Veränderungen des visuellen Systems verbunden sein könnte.

Aber auch hier ist entscheidend:

Veränderte elektrophysiologische Messwerte sind nicht automatisch gleichbedeutend mit einem langfristig verhinderten Sehverlust.

Das ist eine wesentlich anspruchsvollere klinische Frage.


Was sagt die systematische Auswertung der Glaukomstudien?

Genau dafür sind systematische Reviews wichtig.

2023 veröffentlichten Forscher der Universitätskliniken Aachen und Köln eine systematische Übersichtsarbeit zu Citicolin bei Glaukom. [15]

Insgesamt wurden:

10 Studien mit 424 Patienten

ausgewertet.

Untersucht wurden unter anderem:

  • Augeninnendruck,
  • Gesichtsfeld,
  • retinale Nervenfaserschicht,
  • elektrophysiologische PERG-Parameter.

Das Gesamtergebnis war deutlich zurückhaltender als einzelne ältere Studien.

Es fanden sich in der gepoolten Betrachtung keine signifikanten Unterschiede zwischen Citicolin- und Kontrollgruppen bei den zentralen untersuchten Parametern.

Die Autoren kamen deshalb zu dem Schluss:

Die derzeitige Evidenz reicht nicht aus, um zu belegen, dass Citicolin das Fortschreiten eines Glaukoms verlangsamt. [15]

Das ist eine wichtige wissenschaftliche Einordnung.


Und was sagt die neueste ophthalmologische Übersicht?

2026 erschien eine neue systematische Übersicht speziell zur Verwendung von Citicolin in der Augenheilkunde. [16]

Die Autoren betrachteten verschiedene ophthalmologische Erkrankungen.

Dazu gehörten unter anderem:

  • Glaukom,
  • Amblyopie,
  • nicht-arteriitische ischämische Optikusneuropathie.

Die Auswertung beschreibt interessante Signale aus klinischen Untersuchungen und diskutiert mögliche neuroprotektive Eigenschaften von Citicolin.

Gleichzeitig weisen die Autoren auf erhebliche Einschränkungen hin:

  • begrenzte Zahl geeigneter Studien,
  • unterschiedliche Dosierungen,
  • unterschiedliche Behandlungsdauern,
  • unterschiedliche Darreichungsformen,
  • unterschiedliche Endpunkte
  • und heterogene Studiendesigns. [16]

Ein einheitliches und evidenzbasiert optimales Behandlungsschema lässt sich daraus derzeit nicht ableiten.


Wird Citicolin also gegen Augenerkrankungen eingesetzt?

Hier muss man sprachlich sauber bleiben.

Ja: Citicolin besitzt eine medizinische Forschungsgeschichte in der Augenheilkunde und wurde beziehungsweise wird in einigen Ländern und klinischen Kontexten ergänzend eingesetzt oder untersucht.

Besonders umfangreich ist die Forschung zum Glaukom.

Das bedeutet jedoch nicht:

Citicolin ist ein allgemein zugelassenes Standardmedikament gegen Glaukom.

Und es bedeutet ebenfalls nicht:

Ein Citicolin-Nahrungsergänzungsmittel behandelt Glaukom.

Citicolin senkt beispielsweise nicht einfach den Augeninnendruck wie klassische drucksenkende Glaukommedikamente.

Die Forschungsfrage ist eine andere:

Kann Citicolin zusätzlich zur etablierten Behandlung die Funktion oder Widerstandsfähigkeit neuronaler Strukturen des visuellen Systems beeinflussen?

Diese Hypothese ist interessant.

Eine gesicherte krankheitsmodifizierende Wirkung ist bislang aber nicht ausreichend belegt. [15,16]


Was hat die Augenforschung mit Nootropics zu tun?

Mehr, als man zunächst denken könnte.

Die ophthalmologische Forschung zeigt sehr schön, warum Citicolin nicht einfach als „Focus-Wirkstoff“ betrachtet werden sollte.

Dasselbe Molekül wird wissenschaftlich in unterschiedlichen Systemen untersucht:

Gehirn → kognitive Funktionen

und

Netzhaut/Sehnerv → neuronale Funktion der Sehbahn.

Der gemeinsame Nenner ist nicht „Konzentration“.

Der gemeinsame Nenner ist vielmehr:

Nervenzellfunktion, Membranbiochemie und Phospholipidstoffwechsel.

Damit wird verständlicher, warum Citicolin bereits lange vor dem modernen Nootropics-Trend wissenschaftliches Interesse geweckt hat.


Was zeigen Studien zu Citicolin und Gedächtnis?

Auch hier gibt es kontrollierte Humanstudien.

Die Ergebnisse sind allerdings weniger eindeutig, als manche Produktdarstellungen vermuten lassen.

Eine aktuelle positive Studie mit 500 mg pro Tag

2021 wurde eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie mit:

100 Männern und Frauen zwischen 50 und 85 Jahren

veröffentlicht.

Die Teilnehmer hatten altersassoziierte subjektive Gedächtnisbeschwerden, galten ansonsten jedoch als gesund.

Eine Gruppe erhielt:

500 mg Citicolin täglich über zwölf Wochen.

Die andere Gruppe erhielt Placebo. [7]

Nach zwölf Wochen zeigten sich Unterschiede bei:

  • episodischem Gedächtnis
  • sowie einem zusammengesetzten Gedächtnisscore.

Bei anderen untersuchten kognitiven Tests zeigten sich dagegen keine entsprechenden signifikanten Unterschiede.

Das ist wichtig.

Die Studie zeigt nicht:

„Citicolin verbessert das gesamte Gedächtnis.“

Sie zeigt wesentlich spezifischer:

In dieser untersuchten Population zeigte sich unter diesen Bedingungen ein Unterschied bei bestimmten Gedächtnisparametern.


Interessenkonflikte gehören zur Studienbewertung dazu

Auch dieser Punkt sollte bei wissenschaftlichen Artikeln nicht verschwiegen werden.

Die Studie von 2021 wurde vom Hersteller des verwendeten Citicolin-Rohstoffs finanziert.

Mehrere Autoren waren mit dem Unternehmen verbunden. [7]

Das macht die Studie nicht automatisch falsch.

Industriefinanzierte Studien können methodisch hochwertig sein.

Ein möglicher Interessenkonflikt ist jedoch Teil der wissenschaftlichen Gesamtbewertung und sollte transparent angegeben werden.


Was sagt die EFSA zur Gedächtniswirkung von Citicolin?

Dieser Punkt ist besonders relevant.

2024 bewertete die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA einen beantragten Health Claim zu Citicolin. [8]

Die beantragte Aussage bezog sich sinngemäß auf die Unterstützung der Gedächtnisfunktion bei gesunden Menschen mittleren oder höheren Alters mit altersassoziierten Gedächtnisbeschwerden.

Die EFSA prüfte dafür die vorhandenen Humanstudien.

Dabei erkannte das Panel an:

Eine randomisierte kontrollierte Studie zeigte unter:

500 mg Citicolin täglich für zwölf Wochen

einen positiven Effekt auf das episodische Gedächtnis. [7,8]

Gleichzeitig ergab eine andere Studie mit:

1.000 mg täglich über drei Monate

keinen entsprechenden bestätigenden Effekt.

Auch Daten aus Untersuchungen an Demenzpatienten stützten den beanspruchten Zusammenhang nicht ausreichend. [8]

Hinzu kam:

Nach Einschätzung der EFSA wurde kein überzeugender Mechanismus belegt, durch den zusätzliche Citicolinzufuhr über die ohnehin vorhandene körpereigene Synthese hinaus die Gedächtnisfunktion beim Menschen verbessern würde.

Die Schlussfolgerung der EFSA lautete deshalb:

Ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Citicolinaufnahme und Verbesserung, Erhaltung oder vermindertem Verlust der Gedächtnisfunktion wurde nicht ausreichend nachgewiesen. [8]


Bedeutet das, dass Citicolin nicht wirkt?

Nein.

Auch das wäre wissenschaftlich zu pauschal.

Die EFSA sagt nicht:

„Citicolin ist wirkungslos.“

Sie sagt:

Die Gesamtheit der vorliegenden Daten reicht nicht aus, um den beantragten Ursache-Wirkungs-Zusammenhang als ausreichend belegt anzusehen.

Das ist ein großer Unterschied.

Eine einzelne positive Studie kann wissenschaftlich interessant sein.

Für einen belastbaren Health Claim verlangt die EFSA jedoch eine überzeugende Gesamtbetrachtung der Evidenz.

Dazu gehören unter anderem:

  • Reproduzierbarkeit,
  • geeignete Studien,
  • valide Endpunkte,
  • relevante Populationen,
  • konsistente Ergebnisse
  • und wissenschaftliche Plausibilität.

Genau diese Schwelle wurde für den beantragten Citicolin-Gedächtnis-Claim nicht erreicht. [8]


Was zeigen Studien zu Aufmerksamkeit?

Auch Aufmerksamkeit wurde untersucht.

Eine kleinere randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie untersuchte:

60 gesunde Frauen im Alter von 40 bis 60 Jahren.

Die Teilnehmerinnen erhielten vier Wochen lang:

  • 250 mg Citicolin,
  • 500 mg Citicolin
  • oder Placebo. [9]

Bei bestimmten Parametern eines computergestützten Aufmerksamkeitstests zeigten die Citicolin-Gruppen weniger Fehler als die Placebogruppe.

Das ist interessant.

Die Studie war allerdings relativ klein und kurz.

Auch hier bestanden Verbindungen einiger Autoren zum Hersteller des untersuchten Citicolin-Rohstoffs.

Die Untersuchung liefert deshalb ein interessantes Signal.

Sie beweist jedoch nicht die pauschale Aussage:

„Citicolin verbessert die Konzentration.“


Citicolin in neurologischen Erkrankungen

Citicolin besitzt eine außergewöhnlich umfangreiche klinische Forschungsgeschichte.

Der Stoff wurde unter anderem bei:

  • Schlaganfall,
  • Schädel-Hirn-Trauma,
  • vaskulären kognitiven Störungen,
  • neurodegenerativen Erkrankungen
  • und weiteren neurologischen Fragestellungen

untersucht. [5,6]

Gerade diese Forschung zeigt sehr gut, warum ein plausibler Mechanismus nicht automatisch klinische Wirksamkeit bedeutet.

In präklinischen Modellen wurden teilweise deutliche neuroprotektive Effekte beobachtet.

Große klinische Untersuchungen konnten jedoch nicht sämtliche erwarteten Vorteile bestätigen.

Citicolin ist damit fast ein Lehrbuchbeispiel für einen wichtigen wissenschaftlichen Grundsatz:

Biologische Plausibilität ≠ klinischer Wirksamkeitsnachweis.


Wie lässt sich die gesamte Evidenz einordnen?

Eine hilfreiche Möglichkeit besteht darin, drei Ebenen zu unterscheiden.

Ebene 1: Biochemie

Hier ist vieles gut etabliert.

CDP-Cholin ist Bestandteil des Kennedy-Wegs und damit an der Synthese von Phosphatidylcholin beteiligt.

Citicolin beziehungsweise seine Bestandteile gehen in normale:

  • Cholin-,
  • Nukleotid-
  • und Phospholipidstoffwechselwege

ein. [2–6]

Ebene 2: Präklinische Forschung

Hier existieren umfangreiche Daten.

Tier- und Zellmodelle zeigen unter anderem Zusammenhänge mit:

  • Membranphospholipiden,
  • neuronaler Signalübertragung,
  • oxidativem Stress,
  • mitochondrialen Prozessen
  • und Neurotransmittersystemen.

Diese Daten erklären, warum Citicolin wissenschaftlich so intensiv untersucht wurde.

Sie beweisen jedoch keine praktische Wirkung bei gesunden Menschen.

Ebene 3: Humanstudien

Hier wird das Bild heterogener.

Einzelne kontrollierte Studien zeigen interessante Ergebnisse bei:

  • bestimmten Gedächtnisparametern,
  • Aufmerksamkeit
  • oder ophthalmologischen Funktionsparametern.

Andere Untersuchungen bestätigen diese Effekte nicht.

Deshalb ist eine differenzierte Interpretation notwendig.


Citicolin ist nicht dasselbe wie Cholin

Das wird häufig verwechselt.

Cholin ist ein Nährstoff und körpereigener Metabolit.

Citicolin enthält Cholin als Bestandteil eines größeren Moleküls.

Vereinfacht:

Cholin ≠ Citicolin.

Citicolin liefert nach seiner Metabolisierung Cholin.

Zusätzlich gehört jedoch ein Cytidin- beziehungsweise Uridin-bezogener Anteil zu seiner Stoffwechselgeschichte.

Das unterscheidet Citicolin von einfachen Cholinverbindungen.


Citicolin oder Alpha-GPC?

Alpha-GPC und Citicolin werden häufig direkt miteinander verglichen, weil beide als Cholinquellen verwendet werden.

Chemisch sind es jedoch unterschiedliche Verbindungen.

Citicolin

CDP-Cholin

liefert Cholin und Cytidin-/Uridin-bezogene Stoffwechselkomponenten.

CDP-Cholin ist direktes Zwischenprodukt des Kennedy-Wegs.

Alpha-GPC

Alpha-Glycerophosphocholin

ist ein anderer cholinhaltiger Metabolit des Phospholipidstoffwechsels.

Die Frage:

„Welches ist besser?“

ist deshalb ohne definiertes Ziel kaum sinnvoll.

Interessanter sind:

  • untersuchte Population,
  • Dosierung,
  • Endpunkt,
  • Dauer,
  • Sicherheit
  • und Qualität der jeweiligen Studien.

Welche Dosierungen wurden untersucht?

Humanstudien verwendeten sehr unterschiedliche Mengen.

Im Bereich gesunder beziehungsweise nicht dementer Probanden findet man beispielsweise:

250 mg pro Tag

500 mg pro Tag

sowie in älteren Untersuchungen:

1.000 mg pro Tag.

In historischen Arzneimittel- und ophthalmologischen Studien wurden teilweise auch höhere Dosierungen eingesetzt. [12,13]

Das ist jedoch wichtig:

Eine in einer Studie verwendete Dosierung ist keine allgemeine Einnahmeempfehlung.

Und:

Mehr ist nicht automatisch besser.

Die EFSA-Bewertung liefert dafür ein interessantes Beispiel.

Die positive Gedächtnisstudie verwendete:

500 mg pro Tag.

Eine andere Studie mit:

1.000 mg pro Tag

bestätigte den entsprechenden Effekt nicht. [8]

Biologische Dosis-Wirkungs-Beziehungen verlaufen nicht zwangsläufig linear.


Wie ist Citicolin in der Europäischen Union geregelt?

Citicolin ist in der Europäischen Union in der Unionsliste zugelassener neuartiger Lebensmittel aufgeführt. [1]

Für Nahrungsergänzungsmittel gilt derzeit:

maximal 500 mg Citicolin pro Tag.

Zusätzlich verlangt die EU eine Kennzeichnung, wonach Lebensmittel mit Citicolin den Hinweis tragen müssen, dass das Produkt:

nicht für Kinder bestimmt ist. [1]

Für Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke gelten andere zugelassene Höchstmengen.

Der regulatorische Status als Novel Food ist dabei getrennt von einer Arzneimittelzulassung zu betrachten.


Hat Citicolin einen zugelassenen Health Claim?

Für Citicolin gibt es derzeit keinen spezifischen zugelassenen EU-Health-Claim zur Verbesserung von:

  • Konzentration,
  • Gedächtnis
  • oder kognitiver Leistungsfähigkeit.

Besonders relevant ist die EFSA-Bewertung von 2024.

Der beantragte Gedächtnis-Claim wurde wissenschaftlich nicht ausreichend bestätigt. [8]

Das bedeutet:

Man kann die Citicolin-Forschung wissenschaftlich beschreiben.

Aus einzelnen Studien darf jedoch nicht automatisch eine gesundheitsbezogene Werbeaussage für ein Nahrungsergänzungsmittel konstruiert werden.


Ist Citicolin sicher?

Die EFSA bewertete Citicolin bereits 2013 im Rahmen des Novel-Food-Verfahrens. [10]

Das Panel kam damals zu dem Ergebnis, dass Citicolin unter den vorgeschlagenen Verwendungsbedingungen und Mengen als sicher anzusehen ist.

Für Nahrungsergänzungsmittel wurde anschließend die maximale Menge von:

500 mg pro Tag

zugelassen. [1]

In Humanstudien wurde Citicolin insgesamt überwiegend gut vertragen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass unerwünschte Ereignisse ausgeschlossen sind.

In der 2021 veröffentlichten Gedächtnisstudie beendete beispielsweise eine Person die Teilnahme aufgrund von Kopfschmerzen, die als möglicherweise mit dem Studienprodukt zusammenhängend bewertet wurden. [7]

Auch bei grundsätzlich gut verträglichen Stoffen sollte Sicherheit deshalb nicht mit:

„nebenwirkungsfrei“

gleichgesetzt werden.


Ist Citicolin ein Stimulans?

Citicolin ist kein klassisches Stimulans wie Koffein.

Koffein wirkt in üblichen Mengen wesentlich über die Blockade von Adenosinrezeptoren.

Citicolin besitzt einen anderen biochemischen Kontext.

Im Mittelpunkt stehen:

  • Cholinmetabolismus,
  • Phospholipidstoffwechsel,
  • Membranbiochemie,
  • Nukleotidstoffwechsel
  • und verschiedene neuronale Prozesse.

Daraus sollte allerdings ebenfalls keine unbelegte Aussage wie:

„sanfter Fokus ohne Stimulation“

abgeleitet werden.

Auch eine solche Formulierung beschreibt bereits einen funktionellen Effekt, der entsprechend belegt sein müsste.


Der vielleicht wichtigste Punkt bei Citicolin

Citicolin zeigt hervorragend, wie leicht drei wissenschaftliche Ebenen miteinander verwechselt werden.

1. Der Stoff besitzt einen plausiblen biologischen Mechanismus.

Ja.

2. Es existieren positive Humanstudien.

Ja – für einzelne Fragestellungen, Populationen und Endpunkte.

3. Eine allgemeine Verbesserung von Gedächtnis, Konzentration oder neurologischer Funktion ist zweifelsfrei nachgewiesen.

Nein.

Genau zwischen diesen Ebenen muss ein seriöser Wirkstoffratgeber unterscheiden.

Das macht Citicolin nicht weniger interessant.

Im Gegenteil.


Fazit: Was macht Citicolin so ungewöhnlich?

Citicolin ist deutlich mehr als eine moderne Nootropic-Zutat.

CDP-Cholin ist ein körpereigenes Zwischenprodukt eines zentralen Stoffwechselwegs zur Bildung von Phosphatidylcholin.

Nach oraler Aufnahme wird Citicolin intensiv metabolisiert und liefert insbesondere Cholin und Cytidin beziehungsweise daraus entstehendes Uridin für normale Stoffwechselwege.

Damit besitzt der Stoff eine direkte biochemische Verbindung zu:

Membranphospholipiden, Cholinstoffwechsel, Acetylcholin und Nukleotidstoffwechsel.

Gleichzeitig besitzt Citicolin eine jahrzehntelange medizinische Forschungsgeschichte.

Citicolinhaltige Arzneimittel wurden in verschiedenen Ländern bereits lange vor dem heutigen Nootropics-Trend eingesetzt. Der Stoff wurde unter anderem in Neurologie und Augenheilkunde untersucht.

Besonders interessant ist die ophthalmologische Forschung.

Citicolin wurde bei Glaukom sowohl:

oral

intramuskulär

als auch

topisch als Augentropfen

untersucht.

Einzelne Studien fanden interessante Veränderungen neuronaler beziehungsweise visueller Funktionsparameter.

Eine systematische Auswertung von zehn Glaukomstudien mit 424 Patienten konnte jedoch keinen überzeugenden Nachweis dafür erbringen, dass Citicolin das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamt.

Auch für Gedächtnis und Aufmerksamkeit existieren interessante kontrollierte Humanstudien.

Die Daten sind jedoch nicht konsistent genug, um eine allgemeine kognitive Wirkung zu behaupten.

Die EFSA kam 2024 entsprechend zu dem Schluss, dass ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Citicolin und der beantragten Unterstützung der Gedächtnisfunktion nicht ausreichend nachgewiesen wurde.

Die angemessene wissenschaftliche Einordnung lautet deshalb weder:

„Citicolin ist ein bewiesener Brain Booster.“

noch:

„Citicolin ist wirkungslos.“

Sondern:

Citicolin ist ein biochemisch gut charakterisierter und seit Jahrzehnten medizinisch erforschter Stoff, bei dem interessante mechanistische und klinische Befunde einer bislang nicht ausreichend konsistenten Evidenz für pauschale Aussagen zu kognitiver oder neuroprotektiver Wirkung gegenüberstehen.

Und genau deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Daten.


Häufige Fragen zu Citicolin

Was ist Citicolin?

Citicolin ist die gebräuchliche Bezeichnung für CDP-Cholin beziehungsweise Cytidin-5'-diphosphocholin. Es ist ein körpereigenes Zwischenprodukt bei der Synthese von Phosphatidylcholin.

Ist Citicolin dasselbe wie Cholin?

Nein. Cholin ist Bestandteil des Citicolin-Moleküls. Nach oraler Aufnahme wird Citicolin unter anderem zu Cholin und Cytidin metabolisiert.

Was passiert mit dem Cytidin aus Citicolin?

Beim Menschen wird ein großer Teil des aufgenommenen Cytidins zu Uridin umgewandelt und anschließend in Nukleotidstoffwechselwege eingebunden.

Gelangt Citicolin direkt ins Gehirn?

Die Vorstellung, oral aufgenommenes Citicolin gelange einfach als vollständiges Molekül unverändert ins Gehirn, ist zu stark vereinfacht. Citicolin wird intensiv metabolisiert; seine Bestandteile können anschließend für Stoffwechselprozesse unter anderem im zentralen Nervensystem genutzt werden.

Ist Citicolin eine Vorstufe von Acetylcholin?

Das aus Citicolin verfügbare Cholin kann als Ausgangsstoff für die Acetylcholinsynthese dienen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass die Einnahme eine bestimmte kognitive Wirkung verursacht.

Wird Citicolin als Medikament eingesetzt?

Citicolinhaltige Arzneimittel wurden seit den 1970er-Jahren in verschiedenen Ländern als verschreibungspflichtige Präparate verwendet. Der genaue Arzneimittelstatus und die zugelassenen Indikationen unterscheiden sich jedoch zwischen Ländern und Darreichungsformen.

Wird Citicolin bei Augenerkrankungen eingesetzt?

Citicolin wurde besonders beim Glaukom sowie in geringerem Umfang bei weiteren ophthalmologischen Erkrankungen untersucht. In einigen Ländern und klinischen Kontexten wurde es ergänzend verwendet. Die derzeitige Evidenz reicht jedoch nicht aus, um Citicolin als gesichert krankheitsmodifizierende Glaukomtherapie anzusehen.

Senkt Citicolin den Augeninnendruck?

Citicolin ist kein klassisches drucksenkendes Glaukommedikament. Die ophthalmologische Forschung untersucht vielmehr mögliche neuroprotektive Effekte auf retinale Ganglienzellen und die Sehbahn.

Ist Citicolin ein Stimulans?

Nein. Citicolin ist kein klassisches Stimulans wie Koffein.

Ist Citicolin ein Nootropikum?

Im heutigen Sprachgebrauch wird Citicolin häufig als Nootropikum bezeichnet. „Nootropikum“ ist allerdings keine chemisch oder rechtlich klar definierte Stoffklasse.

Welche Menge Citicolin ist in Nahrungsergänzungsmitteln in der EU zugelassen?

Die EU-Unionsliste sieht für Nahrungsergänzungsmittel eine maximale Tagesmenge von 500 mg Citicolin vor.

Dürfen Kinder Citicolin-Nahrungsergänzungsmittel verwenden?

Die EU verlangt für Lebensmittel mit Citicolin ausdrücklich den Hinweis, dass das Produkt nicht für Kinder bestimmt ist.

Gibt es einen zugelassenen EU-Health-Claim für Citicolin und Gedächtnis?

Nein. Die EFSA bewertete 2024 einen entsprechenden Antrag und kam zu dem Ergebnis, dass ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht ausreichend nachgewiesen wurde.

Zeigen Studien trotzdem positive Ergebnisse?

Ja. Einzelne randomisierte kontrollierte Studien fanden Unterschiede bei bestimmten Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- oder ophthalmologischen Funktionsparametern. Andere Untersuchungen bestätigten diese Ergebnisse jedoch nicht ausreichend. Deshalb muss die Gesamtevidenz differenziert bewertet werden.


Quellen & weiterführende Literatur

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Literaturstand: September 2026

Hinweis zur wissenschaftlichen und rechtlichen Einordnung

Dieser Artikel dient der allgemeinen wissenschaftlichen und ernährungsbezogenen Information. Beschriebene biochemische Mechanismen sind nicht automatisch mit einer beim Menschen nachgewiesenen gesundheitlichen oder therapeutischen Wirkung gleichzusetzen.

Studienergebnisse beziehen sich auf die jeweils untersuchte Substanz, Darreichungsform, Dosierung, Population und Versuchssituation.

Insbesondere die Darstellung ophthalmologischer Forschung bedeutet nicht, dass ein citicolinhaltiges Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung, Heilung oder Prävention von Glaukom oder anderen Augenerkrankungen geeignet ist. Diagnostik und Behandlung entsprechender Erkrankungen gehören in ärztliche beziehungsweise augenärztliche Betreuung.

Für Citicolin besteht derzeit kein zugelassener spezifischer EU-Health-Claim zur Verbesserung von Gedächtnis oder Konzentration.

Forschung richtig einordnen

Untersuchungen an einzelnen Wirkstoffen lassen sich nicht automatisch auf andere Dosierungen, Zielgruppen oder kombinierte Produkte übertragen. Die beschriebenen Studienmengen sind keine persönliche Einnahmeempfehlung.

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